Mein Borbeck

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Freitag Nachmittag - Feierabend. Die Sonne scheint, milde Temperatur, da kann man zur Entspannung nach dem aufreibenden Arbeitstag eine Runde um den Block spazieren, an der Trinkhalle einen kurzen Stop einlegen um Zigaretten zu kaufen... die Strassen sind leer, vereinzelt sieht man jemanden Einkaufstüten schleppen, die letzten Besorgungen der Woche erledigen. 

 Zuhause angekommen, erst mal einen frischen Kaffee geniessen, zurücklehnen, sich informieren was so in der Welt vorgeht - abseits der offiziellen Nachrichten erfährt man, womit sich das Umfeld die Zeit vertreibt: Stadt-Land-Fluss, Brettspiele, allerlei Unterhaltendes für zuhaus, was man im kleinen Kreis der Familie, ohne Aufwand in den eigenen vier Wänden gegen Langeweile tun kann. 

Stille Überlegung, was im Haushalt zu tun ist, das Wochenende bietet sich ja geradezu an, den Hausputz zu erledigen, Möbel zu rücken, all die Kleinigkeiten zu erledigen welche man über die Woche zugunsten der Arbeit hat liegen lassen. Was gibts Sonntag zu essen? Auch darüber wird sinniert, und ein grober Zeitplan bis Sonntag Abend erstellt, bevor man sich wieder auf die kommende Arbeitswoche vorbereitet. 

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf - bin von meiner Luftschnapp-Runde zurück vorm Haus, und mir fällt auf: bis auf die Anzahl geparkter Autos - darunter auch mein schwarzer Brummer, der brav vor der Haustüre auf seinen Einsatz wartet - und deren Baujahr, erinnert die Szenerie draussen stark an vergangene Zeiten, an die 80er, 90er Jahre, als der Wechsel zwischen Arbeit im Betrieb und der Freizeit in den eigenen vier Wänden noch Normalität war, als man mehr im Kreis der eigenen Familie abschaltete statt kreuz und quer durch die Weltgeschichte tingelte, um sich mit Freunden zu treffen, zu feiern, zu shoppen, irgendwo in bunter lauter Gesellschaft "abzuhängen"...

Nur mit dem Unterschied dass wir grad 2020 haben, dass diese Ruhe und Beschaulichkeit, die wir allenorts erleben, behördlich aufdiktiert ist -  Einschränkung um der Sicherheit und Gesundheit willen. 

Aber ist es wirklich eine Einschränkung? Der erzwungene Verzicht auf Lebensqualität? Ok, es gibt Geschädigte, die vom Virus gnadenlos heimgesucht werden und darunter zu leiden haben. Es gibt Streiterei und Unsicherheit in den Geschäften, welche wider besseres Wissen leergekauft werden, als gäbe es kein Morgen mehr... es gibt Einschnitte im Leben Geschäftstreibender und deren Personal, welche den Betrieb aufgrund der Verordnungen einstellen mussten. 

Das Ausmass dieser Einschnitte hat derzeit Dimensionen erreicht, welche uns heutzutage fremd geworden sind, welche uns aus der Geborgenheit der Routine herausreissen, aber wirklich neu, ungewöhnlich, sind sie nicht. Keine Endzeit, die uns in Depression verfallen lassen muss, Keine Katastrophe, deren Ende unausweichlich auch das Unsere sein wird. 

Vielleicht ist es eher ein neues Kapitel unserer Gesellschaft - ein Besinnen auf das eigene, familiäre Umfeld, die eigene nahe Umgebung, die Bescheidenheit in Tun und Auftreten... auch das Modewort "Entschleunigung" bekommt hier zum Teil seine Berechtigung. 

Blendet man das Unabänderliche für einen Moment aus, befasst man sich mit dem Augenblick, dem "Jetzt" und "Hier", findet man vielleicht neben all der Verunsicherung möglicherweise eine lang vergessene Art und Weise zu leben... sich und sein Umfeld wahrzunehmen... seine Zeit zu gestalten ohne den Zwang der "gesellschaftlichen Exhibition", ohne den Drang seine vielfältigen Aktivitäten mit möglichst vielen Mitmenschen zu teilen und sich an ihnen zu messen... 

Mag sein, dass ich zu einer Minderheit zähle, die sich gern an vergangene Jahrzehnte erinnert, die das Leben nicht als "Wettbewerb" sieht, in dem man sich mit anderen zu messen hat, die in dem, was andere beim Vergleich "alter Zeiten" zum "Jetzt" als Verlust ansehen, keinen Nachteil entdeckt, sondern eher die Möglichkeit zur Ruhe, Besinnung, Einkehr... diese Einstellung wirkt sich auf jeden Fall positiver auf mich aus als ein Hadern mit dem Schicksal, und der Ein oder Andere täte vielleicht gut daran, sich auf ähnliche Weise zu besinnen...

Euch allen ein angenehmes - und gesundes - Wochenende!

bekannte zitate

Wenn Du nicht willst, was man Dir will, das willst auch nicht, was willst'n Du?
Otto Waalkes
Deutscher Komiker (1948 - )